Interview mit Divo G. Müller: Faszienierende Faszien

Faszien waren jahrelang ein vergessenes Körpergewebe. Seit einigen Monaten gibt es nun in den Medien, sowie in der Sport- und Yogaszene einen regelrechten Faszienhype. In vielen Studios werden mittlerweile spezielle Faszientrainings angeboten. Aber eignen sich diese wirklich auch für jeden? Oder gibt es Dinge, die man beachten sollte? Ich habe bei der Münchener Bewegungstherapeutin und Faszienexpertin Divo G. Müller etwas genauer nachgefragt …

Wer regelmäßig sein Bindegewebe trainiert hält dieses geschmeidig und elastisch. Faszien sind bei jeder Bewegung beteiligt und mitverantwortlich für eine straffe Köperkontur. Mehr noch: Neue Forschungen bestätigen, dass sie auch bei der erfolgreichen Behandlung von Rückenschmerzen mitbeteiligt sind. Selbstverständlich haben auch immer mehr Fitness- und Yogatrainer das muskuläre Bindegewebe längst für sich entdeckt. Auf dem Stundenplan vieler Yogastudios stehen vermehrt Yin-Yoga Kurse, ein aus den USA stammender erfolgreicher Yoga-Ansatz, sowie zahlreiche weitere Varianten von Faszien-Yoga-Kursen.

Doch was ist dran an diesem ‚Hype’? Obwohl mir die Wichtigkeit der Faszien durchaus bewusst ist, stehe ich diesem Trend auch ein wenig kritisch gegenüber. Machen diese „neuen“ Stile wirklich alle Sinn? Und profitiert wirklich jeder Yoga-Übende von den lang gehaltenen Dehnungen, wie sie beispielsweise im Yin Yoga unterrichtet werden? Glücklicherweise habe ich die Bekanntschaft mit Divo G. Müller gemacht, einer Bewegungstherapeutin, die seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit dem renommierten Faszienforscher Dr. Robert Schleip und einem internationalen Team an Kollegen ein spezielles Faszien-Training entwickelt hat. Letzten Herbst veröffentlichte sie dazu ihr zweites Buch mit dem Thema „Straffen des Bindegewebes“. Im nachfolgenden Interview habe ich mit ihr über die Bedeutung der Faszien für unseren Körper gesprochen.

Divo G. Müller

Frau Müller, was sind Faszien und wie wichtig sind sie für unseren Körper?

Als Faszien bezeichnet man das muskuläre Bindegewebe, das den Körper in jede Richtung als ein großes und weit verzweigtes Netzwerk durchzieht. In unserem Training setzen wir den Fokus auf das muskuläre Bindegewebe, wohl wissend, dass auch jedes Organ – wie Herz oder Lunge – von einer Bindegewebe-Hülle umgeben ist, die unter anderem auch mit dem muskulären Bindegewebe interagiert. Faszien bestehen aus Fasern, vorwiegend aus Eiweißfaser-Kollagen und jeder Menge Wasser (68 Prozent). Spannend daran ist, dass sich Kollagengewebe je nach Anforderung und lokalem Kontext unterschiedlich ausformt. Mal bildet es nachgiebige Beutel und Hüllen, dann wieder verdichtet es sich zu zugresistenten Sehnen und Membranen. Die beeindruckende Eigenschaft von Faszien ist die Kraftübertragung durch dieses elastische Netzwerk im Körper. Eine weitere spannende Entdeckung der modernen Faszienforschung ist die inzwischen erwiesene Tatsache, dass die Gewebe von unzähligen, sensorischen Nerven innerviert sind. Diese Dehnrezeptoren agieren wie Messfühler und gestalten unseren Körpersinn aus – die so genannte Propriozeption. Diese bestimmt maßgeblich die Fähigkeit zum Wahrnehmen, Spüren und Bewegen – das ist natürlich auch für Yoga von großer Relevanz.

Was sollte ich beachten, wenn ich die Faszien gezielt trainieren möchte?

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Faszien spezifische und adäquate Bewegungsreize benötigen, um kräftig und gesund zu sein. Ganz nach dem Motto „use it or lose it“. Stundenlanges Rumhocken schädigt die Gewebe außerordentlich. Auch die Einstellung, Faszien würden im Sport ja sowieso mittrainiert, ist nicht wirklich zielführend. Die Frage lautet daher: „Welche Anreize benötigen Faszien?“ Im Training legen wir besonderen Wert darauf, eine phänomenale Eigenschaft von Faszien zu trainieren: die sogenannte elastische Rückfederung. Dies wurde besonders beeindruckend an der menschlichen Achillessehne dokumentiert. Deshalb gehören elastische Federungen für die Beine, den Schultergürtel und den Rücken zu unserem Basisübungsprogramm. Diese katapultartigen, dynamischen Bewegungen kräftigen die kollagenen Gewebe. Das steigert die Belastbarkeit, die Bewegungseffizienz und formt zudem beispielsweise den straffen und wohlgeformten Oberschenkel.

Und wie erreiche ich die Geschmeidigkeit der kollagenen Gewebe, die für einen straffen Körper so wichtig sind?

Hier lautet das Motto: „Wer sich nicht bewegt, verklebt“. An dieser Stelle kommen Dehnungen ins Spiel. Es gibt jedoch genetisch bedingt unterschiedliche Bindegewebetypen. In meinen Kursen und in meinem neuen Buch unterscheide ich zwischen dem kräftigen, aber meist unbeweglichen „Wikingertyp“ und dem (über)beweglichen, aber tendenziell instabilen „Tempeltänzer-Typ“. Der klassische Wikingertyp ist meist robust und das Bindegewebe widerstandsfähig. Sein Kollegenfasernetz neigt jedoch zu Verfilzungen und Verklebungen. Das geht dann auf Kosten der Beweglichkeit und der Flexibilität. Beim Älterwerden kann sich das durchaus so auswirken, dass ein Vorbeugen, um die Schuhe zu binden, nicht mehr möglich ist.

Und worauf sollte der Tempeltänzer achten?

Dieser Typ ist sehr gelenkig, kann seine Beine mühelos in den Spagat verbiegen. Im Ballett oder in Yogakursen sind diese nachgiebigen Bindegewebetypen häufig zu finden. Die hohe Flexibilität geht jedoch auf Kosten der Stabilität. Das kann dann zu Schmerzen im unteren Rücken führen oder zu einer Abnutzung der Hüftgelenke, da die Kapsel- und Bandstrukturen quasi „ausleiern“. Hier ist also eine gezielte Kräftigung der Faszien angesagt.

Beim Yin- oder Faszien-Yoga geht man ja gerne tief in die Muskel-Dehnung hinein. Ist diese Körperarbeit wirklich für Jeden geeignet?

Aufgrund dieser zwei sehr unterschiedlichen Bindegewebetypen empfehlen wir ein auf deren Bedürfnisse abgestimmtes Training. Für den steifen und unbeweglichen Wikinger sind langkettige Dehnungen empfehlenswert, wie sie traditionell im Yoga praktiziert werden. Zusätzlich sollte der Stretch faszial aufgeladen werden, zum Beispiel über Minifederungen. Am besten gegen Widerstand oder mit Hilfe eines Gewichtes. Für diesen Bindegewebetyp sind die schmelzenden Dehnungen, wie sie im Yin Yoga praktiziert werden, durchaus wirksam, um Verklebungen zu lösen und die Geschmeidigkeit der Gewebe wieder herzustellen. Jedoch: Für den von Natur aus gelenkigen oder auch überbeweglichen Tempeltänzertyp ist es nicht ratsam, ausgiebig Yoga ähnliche Dehnungen zu praktizieren. Dieser Bindegewebetyp profitiert vor allem von Impulsen, welche die Faszien kräftigen und widerstandsfähiger machen. Sprich von Übungen, die elastische Federungen enthalten. Des Weiteren haben wir für die nachgiebigen und eher schwachen kollagenen Strukturen den Aspekt des endgradigen Dehnens bewusst durch das Element des muskulären Tonisierens ersetzt. Hierbei wird die fasziale Hülle um den Muskel herum im kurzen Bereich gekräftigt. Das Gewebe wird dadurch straffer!

Vereinfacht lässt sich zusammenfassen: Der Wikinger bräuchte eine Prise Tempeltänzer für seine Faszien und umgekehrt bräuchte der Tempeltänzer eine Prise Wikinger.

An wen richtet sich Ihr neues Buch?

Es richtet sich vor allem an Menschen mit einem weichen, sogenannten schwachen Bindegewebe. Es geht dabei um die Frage: Straff oder schlaff? Das Buch richtet sich damit vorwiegend, aber nicht nur, an eine weibliche Klientel, da Frauen von Natur aus mit einem weicheren und nachgiebigen Bindegewebe ausgestattet sind. In Zusammenarbeit mit dem renommierten Faszienforscher Dr. Robert Schleip habe ich ein Erfolgsformel entwickelt, die aus vier Powerprinzipien besteht: Verfeinern, Federn, Tonisieren und Beleben. In Einzelübungen werden die sieben wichtigsten Faszienketten nach diesen vier Prinzipien gekräftigt. Dazu haben wir spezielle Übungen entwickelt, und nutzen Hilfsmittel wie elastische Bänder, die bewährte Faszienrolle sowie Saugmassage-Cups.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Training fuer die Faszien von Divo G MuellerDivo G. Müller/Karin Hertzer, Training für die Faszien – Die Erfolgsformel für ein straffes Bindegewebe, erschienen 2015 im Südwest Verlag München, Euro 19,99

Das Buch ist hier online erhältlich 

In Kürze erscheint auch die DVD zum Buch.

 

 

 

In ihrem Studio Bodybliss in München bietet Divo G. Müller passend zum neuen Buch den Kurs „Fascial Toning“ an, den ich wärmstens empfehlen kann. Infos und Anmeldung hier.

Diese Interview wurde auch auf dem Naturkosmetik-Portal „Naturalbeauty.de“ veröffentlicht!

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