Interview mit Britta Hölzel: „Bewusst am Leben teilhaben“

Wenn man von einem bewussten und entschleunigten Leben spricht, denkt jeder sofort an die Achtsamkeitspraxis. Wieder ein neuer Trend, oder steckt mehr dahinter? Die bekannte Psychologin und Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel erklärt im Interview was überhaupt in unserem Gehirn passiert, wenn wir regelmäßig meditieren. Auch erläutert sie den Begriff „Achtsamkeit“. Und ganz spannend fand ich zu erfahren, wie die Mutter einer kleinen Tochter es schafft, weiterhin ihrer Achtsamkeitspraxis treu zu bleiben … Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen.

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Foto: M. Stobrawe

Frau Dr. Hölzel, Sie erforschten unter anderem an der Harvard Medical School in Boston, USA und am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen die (positiven) Effekte einer regelmäßigen Achtsamkeitsmeditation und Yogapraxis. Welches waren dabei Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Studien unserer Arbeitsgruppe – sowie auch die vieler andere Kollegen – zeigen, dass Achtsamkeits- und Yogapraxis Stresslevel senken, das Wohlbefinden erhöhen und die psychische Gesundheit verbessern können. Wir beschäftigen uns mit der Frage, welche Vorgänge im Gehirn mit diesen Verbesserungen in Zusammenhang stehen. Dafür setzen wir die Kernspintomographie ein. Wir haben gefunden, dass die Teilnahme an einem 8-wöchigen Achtsamkeitskurs (Mindfulness-Based Stress Reduction) zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führt (z.B. im sogenannten Hippocampus, der für Lern- und Gedächtnisprozesse zuständig ist und auch eng an der Regulation von Stress beteiligt ist), und dass sie auch die Funktionsweise des Gehirns verändert, z.B. in emotionalen Situationen. Es finden sich vor allem Veränderungen in Regionen des Gehirns, die mit Aufmerksamkeitsprozessen sowie mit der Verarbeitung von Emotionen in Zusammenhang stehen.

Wie schaffe ich es die Praxis der Achtsamkeit in meinen Alltag zu integrieren?

Ich werde oft gefragt: Wie lange dauert es, bis ich „achtsam sein kann“? Tatsächlich bedarf es nur eines einzigen Augenblicks. Wir alle besitzen bereits die Fähigkeit, mit unserer Aufmerksamkeit in der Gegenwart anzukommen und mit offener, neugieriger und liebevoller Haltung dem zu begegnen, was sich da zeigt. Alles, was wir tun müssen, ist, dass wir das wollen. Wir können uns während der kleinen Momente des Tages ganz bewusst dem eigenen Erleben zuwenden, z.B. während wir im Bus sitzen, an der Supermarktkasse warten, oder beim Geschirrspülen. Wir können dabei in unseren Körper hineinspüren: wie fühlt es sich an, wenn die Fußsohlen den Boden berühren, oder wenn der Atem in den Körper ein- und ausströmt? Wie fühle ich mich eigentlich gerade? Es geht darum, wach am eigenen Leben teilzuhaben. Und dabei auch in die Ruhe und Stille hineinzuspüren, die uns inmitten des Alltagstrubels begleiten kann. Jeder einzelne Moment gibt uns die Möglichkeit, wieder zum Hier und Jetzt zurück zu kommen. Und natürlich kann uns die formelle Sitzmeditations- oder Yoga-Praxis sehr dabei helfen, uns an diese kleinen Momente im Alltag zu erinnern.

Die Kunst besteht aber ja eigentlich darin, dies auch in stressigen Momenten durchzuführen. Wie schafft man das?

Indem ich mich ganz bewusst, neugierig und offen dem Erleben zuwende, zum Beispiel den Empfindungen im Körper, den Gefühlen oder dem Atem. Was uns oft vor allem in Stress bringt ist unser Denken, dass die Dinge anders sein sollten als sie gerade sind. Wenn ich es schaffe, für einen Moment von der Überzeugung loszulassen, dass die Dinge so laufen müssen, wie ich es möchte, und stattdessen neugierig dafür werde, wie die Dinge tatsächlich gerade sind, dann hilft mir das enorm, aus dem inneren Stress auszusteigen, eine andere Perspektive zu gewinnen und ich bekomme wieder einen klareren Blick auf die Situation. Das heißt natürlich nicht, Ungerechtigkeiten widerstandslos hinzunehmen. Es heißt vielmehr, erstmal offen zu bleiben und zu schauen, anstatt gleich blind drauf loszuagieren.

Ich habe zwei kleine Kinder und arbeite noch dazu – mein Alltag ist also alles andere als geregelt, oft schaffe ich es nur zur informellen Praxis, dem Innehalten im gegenwärtigen Moment. Ganz zu schweigen von meiner regelmäßigen Asana-Praxis, die in manchen Wochen so gut wie überhaupt nicht stattfindet. Vor knapp zwei Jahren sind Sie selbst Mutter geworden. Wie sieht Ihre Yoga- und Achtsamkeitspraxis heute aus?

Seitdem ich Mutter bin, sieht sich meine Achtsamkeitspraxis wieder ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt. Natürlich ist es neben der Zeit mit der Familie und der Arbeit nicht so einfach, noch Zeit für formelle Meditationspraxis zu finden. Umso vielfältiger sind aber die Gelegenheiten zur sogenannten ‚informellen Praxis‘. Zum einen gibt es natürlich auch hier immer wieder Gelegenheiten, bewusst mit allen Sinnen im gegenwärtigen Moment anzukommen. Sei es beim Stillen oder beim Kinderwagen-Schieben. Zum anderen hilft mir die Achtsamkeitspraxis nun enorm gerade in den Momenten, wo es anstrengender wird. Ich habe viel mehr Geduld und nehme die Dinge nicht so persönlich. Gleichzeitig kann ich aber auch besser meinen eigenen Beitrag erkennen, zum Beispiel wenn ich mit meiner eigenen Anspannung zum Unwohlsein meiner Tochter beitrage. Die Achtsamkeitspraxis hilft mir, die Zeit mit meiner Tochter bewusster zu wertschätzen und zu geniessen.

Was glauben Sie, warum praktizieren immer mehr Menschen Yoga Asanas und Meditation?

Wir sind, was Wohlstand, Gesundheitsversorgung und Ernährung anbelangt, noch nie zuvor so gut versorgt gewesen wie heute. Und trotzdem scheint uns etwas zu fehlen. Die Menschen fühlen sich zunehmend gestresst. Das Tempo, in dem wir auf Anforderungen aus unserem Umfeld reagieren müssen, wird immer höher. Ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft einen Punkt erreicht haben, an dem wir uns danach sehnen, wieder mehr Ruhe zu finden und mit den wesentlichen Dingen in Berührung zu kommen. Durch die Meditation und das Yoga können wir entdecken, wie schön es ist, mal für einige Momente vom dauernden Tun abzulassen, und zu spüren, wie es sich anfühlt einfach zu ‚Sein‘. Wir kommen wieder bei uns selbst und im gegenwärtigen Moment an, und lernen, uns selbst mit einer liebevollen und wertschätzenden inneren Haltung zu begegnen. Und das führt dazu, dass wir auch das Leben anders wertschätzen können – wir können ganz bewusst daran teilhaben.

Mehr zu Britta Hölzel und Ihrer Arbeit findest du hier

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